36 Grad und es wird noch heißer…

Eva Schmider
vor 1 Woche3 min. Lesezeit

…der einstige Hit als Beleg, dass die Klimaerwärmung nur halb so wild ist? So oder so ähnlich verlief ein Gespräch an einem doch recht kühlen Sommerabend im Juli. Aber nochmal von Anfang an:

Die Hitze hatte sich für einen Moment zurückgezogen, die Sonne verabschiedete sich, es wurde spürbar frischer – der liebe Petrus hatte uns vor Beginn der heißen Tage nochmal ein paar angenehm laue Stunden geschenkt. Eigentlich ein Geschenk. Doch statt Erleichterung machte sich Unmut breit. „So kalt im Juli, das ist doch schon Herbst.“ Die Diskussion gewann an Fahrt, als jemand beiläufig erwähnte, dass die Temperaturen in der kommenden Woche wieder auf 36 Grad klettern würden. Und dann fiel er. Jener Satz, der in solchen Gesprächen beinahe zuverlässig seinen Auftritt hat:

„36 Grad? Kennt ihr noch den Song von 2Raumwohnung aus dem Jahr 2007? Da sieht man einfach wieder, dass es früher auch schon heiße Tage gab!“

Vielen Dank, liebe Popmusik der 2000er, für diese fundierte klimatologische Peer-Review-Studie. Ich bin mir sicher, die Band hatte beim Schreiben des Refrains weniger IPCC-Bericht und mehr Sommerhit im Kopf. Zum Glück war es kühl genug, um tief durchzuatmen.

Für alle, die beim nächsten Grillabend vor demselben Argument stehen, hier mein Lieblingsbeispiel, druckfrisch aus dem WM-Fieber: Stellt euch einen Fußballverein vor, der sich seit zehn Jahren stetig verbessert. Trotzdem verliert er zwischendurch ein Spiel. Schießt mal kein Tor. Wird die Mannschaft dadurch schlechter? Natürlich nicht. Das ist Formschwankung, eine Momentaufnahme – nicht Trend. Genauso ist ein einzelner Tag, eine einzelne Saison, ein einzelner Song aus 2007 nicht das Klima. Das ist Wetter. Die Betonung liegt auf Wetter, Klima hingegen beschreibt die statistische Entwicklung über Jahrzehnte.

Dass es 2007 schon 36 Grad gab, sagt über die heutige Erderwärmung so viel aus wie ein Regentag im August über die Sahara.

Aber genau hier liegt das eigentliche Problem: Es geht längst nicht mehr nur um verdorbene Sommerabende am See, an denen lieber über vermeintliche Gegenbeweise diskutiert wird als den Sonnenuntergang zu genießen. Dieses postfaktische Achselzucken – „passt doch grad nicht ins Narrativ, also ignorier ich’s“ – schadet nicht nur der guten Laune am Steg. Es schadet dem Klima, weil Handeln aufgeschoben wird, solange man sich auf einzelne Wetterereignisse sowie Nostalgie-Pop berufen kann. Und es schadet, ganz nebenbei, der eigenen positiven Grundhaltung. Denn wer sich lieber an Fakten vorbeischummelt, statt sie anzunehmen, verbaut sich selbst die Möglichkeit, konstruktiv mit der Realität umzugehen. Denn Fakten verschwinden nicht, nur weil sie unbequem sind.

Und jetzt drehe ich den Song 36 Grad voll auf, sehne mich nach dem deutlich kühleren 2007er Sommer und akzeptiere, dass die Wirklichkeit sich leider nicht nach Charts richtet. Petrus grüßt derweil mit echten 36 Grad – diesmal ganz ohne Refrain.