Nachhaltigkeit nach dem Reporting-Boom: Was jetzt wirklich zählt

Matthias Reichhart
vor 2 Wochen5 min. Lesezeit

Über Jahre kannte die Entwicklung im Nachhaltigkeitsmanagement vor allem eine Richtung: mehr Anforderungen, mehr Daten, mehr Berichterstattung. CSRD, ESRS, EU-Taxonomie und weitere regulatorische Vorgaben haben Nachhaltigkeit in vielen Unternehmen professionalisiert – gleichzeitig aber auch viel Aufmerksamkeit auf Compliance gelenkt.

Nun verändert sich das Umfeld. Die Europäische Union vereinfacht ihre Nachhaltigkeitsregulierung und reduziert Berichtspflichten. Für manche Unternehmen stellt sich deshalb die Frage: Verliert Nachhaltigkeit wieder an Bedeutung?

Wir glauben: Nein. Aber ihre Rolle verändert sich.

Von CSR über Compliance zur Unternehmensstrategie

Die Entwicklung lässt sich vereinfacht in drei Phasen beschreiben.

Nachhaltigkeit 1.0 war lange durch freiwilliges Engagement geprägt. Unternehmen entwickelten CSR-Projekte, veröffentlichten freiwillige Nachhaltigkeitsberichte und engagierten sich gesellschaftlich.

Mit Nachhaltigkeit 2.0 rückten Regulierung und Messbarkeit in den Mittelpunkt. Nachhaltigkeitsabteilungen beschäftigten sich mit Wesentlichkeitsanalysen, Datenpunkten, CO₂-Bilanzen und Berichtsstandards. Das hat Strukturen geschaffen und Transparenz erhöht. Gleichzeitig bestand die Gefahr, Nachhaltigkeit vor allem als Reportingaufgabe zu verstehen.

Nun könnte Nachhaltigkeit 3.0 beginnen: eine Phase, in der weniger die Frage „Was müssen wir berichten?“ im Mittelpunkt steht, sondern

„Welche ökologischen und gesellschaftlichen Veränderungen beeinflussen unser Geschäftsmodell?“

Was zunächst wie ein grundsätzlicher Anspruch klingt, beschreibt eine wichtige Entwicklung: Nachhaltigkeit wird dann relevant, wenn sie nicht neben der Unternehmensstrategie steht, sondern Teil von Investitionen, Produkten, Lieferketten und Geschäftsmodellen wird.

Weniger Reporting bedeutet nicht weniger Risiko

Denn während sich regulatorische Anforderungen verändern, verschwinden die zugrunde liegenden Herausforderungen nicht. Der Global Risks Report 2026 des World Economic Forum zeigt diesen scheinbaren Widerspruch deutlich: Kurzfristig haben geopolitische Konflikte, wirtschaftliche Unsicherheit und gesellschaftliche Polarisierung ökologische Themen in der Wahrnehmung teilweise verdrängt. Im Zehnjahreshorizont sieht das Bild völlig anders aus. Extremwetter steht auf Platz eins der größten globalen Risiken, gefolgt von Biodiversitätsverlust und kritischen Veränderungen der Erdsysteme.

Nachhaltigkeit verliert also möglicherweise kurzfristig Aufmerksamkeit – nicht aber langfristig Relevanz. Das gilt auch aus unternehmerischer Perspektive. Hitze und Extremwetter beeinflussen Standorte und Infrastruktur. Wasserknappheit kann Produktionsprozesse und Lieferketten gefährden. Energiepreise beeinflussen Kostenstrukturen. Der Verlust von Biodiversität kann die Verfügbarkeit natürlicher Rohstoffe verändern.

Nachhaltigkeit wird damit zunehmend zu einer Frage der Resilienz.

„Leaders must make sustainability a core part of the strategy, not an appendage.“

Alejandro Simón, CEO der Sancor Seguros Group

Nachhaltigkeit und Wettbewerbsfähigkeit zusammendenken

Diese Perspektive findet sich inzwischen auch in den Führungsetagen vieler Unternehmen. Die UN-Global-Compact/Accenture-CEO-Studie 2025 zeigt: 88 Prozent der befragten CEOs halten den Business Case für Nachhaltigkeit für stärker als noch fünf Jahre zuvor. 99 Prozent wollen ihre Nachhaltigkeitsverpflichtungen beibehalten oder ausbauen. Alejandro Simón, CEO der Sancor Seguros Group, formuliert es so: „Leaders must make sustainability a core part of the strategy, not an appendage.“

Er verbindet Nachhaltigkeit ausdrücklich mit Wettbewerbsfähigkeit, Risikominderung, Kundenbindung, Talenten und langfristiger Resilienz. Damit verändert sich auch die Sprache der Nachhaltigkeit. Neben CO₂-Reduktion treten Begriffe wie Versorgungssicherheit, Ressourceneffizienz, Resilienz, Innovation und Wettbewerbsfähigkeit.

„Sustainability is innovation and innovation is sustainability.“

Benedetto Vigna, CEO von Ferrari

Auch Benedetto Vigna, CEO von Ferrari, bringt diese Verbindung auf eine bemerkenswert kurze Formel: „Sustainability is innovation and innovation is sustainability.“ Der Satz macht deutlich, dass Nachhaltigkeit nicht ausschließlich als Einschränkung oder zusätzliche Anforderung verstanden werden muss. Sie kann zum Ausgangspunkt für neue Technologien, effizientere Prozesse und zukunftsfähige Produkte werden.

Was bedeutet das für Unternehmen?

Für Unternehmen könnte diese Entwicklung eine Chance sein. Denn wenn regulatorischer Druck als alleiniger Treiber an Bedeutung verliert, wird eine andere Frage wichtiger: Wo schafft Nachhaltigkeit konkreten unternehmerischen Wert?

Nicht jedes Unternehmen braucht dafür dieselben Maßnahmen. Für einen Produktionsbetrieb können Energie- und Materialeffizienz entscheidend sein. Für ein Unternehmen mit globalen Lieferketten stehen möglicherweise Klimarisiken, Wasser oder Rohstoffverfügbarkeit im Vordergrund. Andere Unternehmen beschäftigen sich stärker mit Kreislaufwirtschaft, Biodiversität oder nachhaltiger Produktentwicklung.

Nachhaltigkeitsmanagement wird dadurch anspruchsvoller – aber auch strategischer.

Es geht weniger darum, möglichst viele Nachhaltigkeitsaktivitäten nebeneinanderzustellen. Entscheidend wird sein, diejenigen Themen zu identifizieren, die für Geschäftsmodell, Wertschöpfung und Zukunftsfähigkeit tatsächlich relevant sind.

Vom Nachhaltigkeitsbericht zur Transformationsagenda – Vielleicht liegt darin sogar eine Chance der aktuellen Entwicklung.

Die regulatorische Dynamik der vergangenen Jahre hat Nachhaltigkeit in die Organisationen gebracht. Sie hat Verantwortlichkeiten geschaffen, Daten verfügbar gemacht und ökologische sowie soziale Auswirkungen sichtbar gemacht. Der nächste Schritt besteht darin, dieses Wissen zu nutzen. Aus einer CO₂-Bilanz kann eine Dekarbonisierungsstrategie werden. Aus einer Wesentlichkeitsanalyse können strategische Prioritäten entstehen. Aus Klimarisiken können Investitionsentscheidungen abgeleitet werden. Und aus Nachhaltigkeitsdaten können neue Fragen an Produkte, Geschäftsmodelle und Lieferketten entstehen. Die Zukunft des Nachhaltigkeitsmanagements entscheidet sich deshalb möglicherweise weniger im Nachhaltigkeitsbericht als in Strategiegesprächen, Investitionsentscheidungen und der Produktentwicklung.

Nachhaltigkeit verschwindet nicht nach dem Reporting-Boom. Sie muss beweisen, welchen Beitrag sie zur Zukunftsfähigkeit eines Unternehmens leisten kann. Und genau darin könnte die nächste Entwicklungsstufe liegen.